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Postkarte 3: Der Bahnhof…hat einen schlechten Ruf.

Salzburg, wo keiner bleiben will.

Wer zum Bahnhof will, will gleich wieder weg – was für ein undankbarer Ort. In Salzburg ist kaum ein Ort so kontrovers diskutiert wie der Bahnhof und sein Vorplatz. Postkarten von ihm gibt es mittlerweile keine mehr. Das kann ich also nicht so stehen lassen und mache mich auf die Suche nach einer neuen Postkarte vom Salzburger Bahnhof.

Die Blicke sind nach unten gerichtet. Aus der großen Haupthalle strömen die Menschen mit eiligen Schritten, kaum jemand blickt mir in die Augen die meisten schauen aufs Handy. Keine Blicke, keine Worte, keine Sekunde verlieren. Viele gehen rüber zum Bus, manche zum Rad, Hauptsache weiter.

Zwischen Demo und Dönerbude.

Wer trifft sich schon am Bahnhofsvorplatz? Hin und wieder startet eine Demo am Bahnhof, wie die Pride Parade Anfang September. Da bekommt der Platz für eine Stunde eine angenehme, freundliche Lebendigkeit, bis sich die diverse Fröhlichkeit Richtung Innenstadt davonmacht. Es gab auch schon Konzerte, wie beim Take the A-Train Festival. Eine Art künstlerische Intervention hinein in das Kommen und Gehen. Kurz den Ohrstöpsel raus, hören, was da für Musik gespielt wird, und weiter.

Mein Marmorsaal riecht jetzt nach Bier.

Meine Erinnerung an den Bahnhof in Salzburg ist eine andere. Früher wollte ich nicht einfach wegfahren vom Bahnhof, ich wollte dortbleiben. Mein liebster Ort war das Bahnhofsrestaurant im alten Bahnhof vor dem Umbau 2009. Marmor vertäfelt, das Dekor im Wiener Jugendstil der 1910er Jahre, ein hoher Raum; der (Herr) Ober im Anzug, angemessen unfreundlich. An den Fenstern zogen die wegfahrenden Züge vorbei und die Durchsagen gaben dir das Gefühl man könnte morgen in Paris oder Istanbul sein. Meine Eltern waren recht irritiert als ich sagte, ich würde das gemeinsame Essen zur „grade so“ bestandenen Matura im Bahnhofsrestaurant feiern wollen. Der Marmorsaal im Bahnhof steht heute im Augustiner Bräu, er wurde komplett abgetragen und dort aufgebaut. Er ist kein Ort der Sehnsucht mehr und riecht nach Bier.

Kaiserin mit Anbindung.

Sentimentalitäten dominieren auch an anderer Stelle am Bahnhof. Zwischen Bushaltestelle und dem neuen Hotel Europa steht einen Marmorstatue von „Sissi“. Der „alte“ Kaiser Franz Josef hat die Statue 1902 eingeweiht, dann war sie 80 Jahre In Hellbrunn. Jetzt steht sie da wieder – mehr noch, ein ganzer Stadtteil wurde nach ihr benannt: Die „Elisabeth-Vorstadt“. Die Kaiserin liebte die Freiheit und fuhr gerne Bahn, hatte eine eigene Garnitur, mit der sie Europa bereiste.

Auch sonst wirkt der Platz eigenartig K&K sentimental: Er heißt bis heute Südtiroler Platz, daneben die Kaiserschützen-Straße und: Oh lala, da ist ja auch das Kaiserschützendenkmal. Obacht!
In Summe (Sissi, Südtirol, Kaiserschützen) ist es ziemlich befremdlich, dass ein zentraler Ort in unserer Stadt sich so der monarchischen, vordemokratischen Epoche anbiedern muss, und gleichzeitig so verwahrlost wirkt.

Wo niemand bleibt, aber manche bleiben müssen.

Es ist Abend geworden. Man sagt, es wäre kein Ort an dem man sich wohlfühlt, dieser Vorplatz am Bahnhof. Ein paar Leute sitzen an den Brunnensockeln, Dosenbier und Tabakgeruch, nein der feine Rotary Club hält nicht seine Jahresversammlung ab. Es wird lautstark. Mag sein, dass der eine oder andere heute Nacht unter freiem Himmel schlafen wird müssen. Bedrohlich ist der Ort nicht, wenigstens für mich heute Abend; vielleicht wäre es als Frau alleine unangenehm. Die Lichter um den Platz wirken so fahl wie auf tausend anderen Bahnhöfen, Mc D und Burger K – Spar bis 22.00 Uhr und Döner. Rundherum die Plattenbauten und die Hotelketten.

Ist das schön hier? Es ist eine Form von „normaler“ Urbanität in der sonst so kitschig hübschen Stadt, in einem Hauseingang stapeln sich die Müllsäcke. Der historische Bahnhof stand auf der freien Wiese als er 1860 eröffnet wurde. Heute ist er so weiß und strahlend das er irgendwie gar nicht dazu passt.

Der Regen vertreibt die Menschen vom großen Platz, auch mich. Doch im letzten Moment bekomme ich doch meine Postkarte.

Und dann kam der Regen.

Die Essenszusteller auf ihren Elektrorollern suchen Schutz vor dem Platzregen. Und sie finden sich ein unter dem Antifaschismus-Mahnmal von Heimo Zobernig. Die Bedeutung des Ortes ist ihnen sicherlich unbekannt. Doch die Funktion der Form des Mahnmals schützt jene Menschen, von denen der deutsche Kanzler Merz sagt, sie würden nicht ins Stadtbild passen. Es schützt jene Menschen die dir unter prekären Arbeitsverhältnissen und selbst versichert zu jeder Tageszeit bei jedem Wetter die Pizza nach Hause liefern. Der Antifaschismus schützt jene mit dem beschissensten Job. Die Geschichte könnte nicht besser enden.