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„Erinnerung ist ein Lebensmittel, das nicht allen schmeckt.

Warum Salzburg sich nicht vergessen sollte und Erinnerungskultur wichtig für die Zukunft ist.

Erinnern ist kein Luxus. Es ist Pflicht.

Der kritische Umgang mit der Vergangenheit, im Besonderen mit dem Nationalsozialismus und dem Faschismus, ist kein besonders angenehmes Thema. Der Blick zurück stößt bei der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung auf Unwillen. Warum müssen die alten Geschichten immer wieder erzählt – oder schlimmer – neu erzählt werden? Haben wir keine anderen Probleme? Wir sollten uns um Gegenwart und Zukunft kümmern und die Geschichte Geschichte sein lassen. Wer sich politisch mit Erinnerungskultur beschäftigt, ist also sicherlich kein Populist.

Lieder von Trauer, Verzweiflung und Liebe.

Ein Mittwochnachmittag Ende Oktober am Salzburger Kommunalfriedhof: Der demokratische Chor Braunau singt Lieder von der „Ballade von Mauthausen“ des griechischen Komponisten Mikis Theodorakis. Lieder von Trauer, Verzweiflung und Liebe, geschrieben in den 1970er Jahren. Mauthausen war der Ort, an den mehr als 10.000 griechische Juden und Antifaschisten gebracht wurden um dort ermordet zu werden.

Zwischen Stein und Schuld

Anlass für diese Lieder ist der Festakt für die Einweihung einer Ergänzungstafel zum monumentalen „Heldendenkmal“ der gefallenen Soldaten der Weltkriege an zentraler Stelle am Kommunalfriedhof. Grund für diese Tafel ist die Erkenntnis, dass die Heldenverehrung der Soldaten des ersten Weltkriegs unreflektiert auf die des 2. Weltkriegs erweitert wurde. So werden auch jene, die beispielsweise als Mitglieder der Waffen-SS zahllose Verbrechen verübt haben, in diesem „Heldendenkmal“ geehrt.

Wir treffen Ludwig Laher nach der Einweihung. Er ist Publizist, ein unermüdlicher Forscher der regionalen NS-Geschichte und einer der gerne laut wird, wenn sich Gesellschaft und Politik der eigenen Geschichte verschließen oder diese relativieren. Was treibt ihn an, diesen oft einsamen Rufer, der die Unerträglichkeit des unkommentierten Heldendenkmals in Salzburg schon 1988 erkannte und darauf aufmerksam machte?

Geschichte beginnt vor deiner Haustür.

„Ich habe in meinem Leben mehr als 1.600 Veranstaltungen und Workshops an Schulen gemacht und bei allen war es so still, man hätte die Stecknadel fallen hören“, sagt Ludwig Laher.
„Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit muss authentisch sein, es darf nicht Pflicht sein. Gerade jungen Menschen kann man näherkommen, wenn die Geschichte etwas mit ihrer Gegend, mit ihrer Region zu tun hat. Wo immer ich hingekommen bin, habe ich mich kundig gemacht: Was war damals, möglichst nahe an diesem Ort?“

Neugierde für die Vergangenheit entwickeln.

Er stellt an Jugendliche zu Beginn dieser Workshops die Frage, an was sie sich persönlich erinnern können, an ihre Zeit als sie Kleinkinder waren, vor der Schulzeit. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass 90 % dieser Erinnerungen mit erlebtem Leid zu tun haben und nicht mit Freude. Der Tod des Hamsters, der Unfall mit dem Roller, das Ableben des Großvaters.
Ähnlich ist es auch im kollektiven Gedächtnis. Über regionale Geschichte motiviert Ludwig Laher junge Menschen eine Neugierde für die Vergangenheit zu entwickeln, zu entdecken, die Decke wegzuziehen, wie er sagt.

Wege um die Selbstverleugnung zu umgehen.

Die individuellen Erinnerungen an Schmerz und Leid schaffen ein Bewusstsein, wie das Erinnern im Menschen funktioniert. Das historische Gedächtnis in Österreich nimmt die Erfahrungen des Leides, der Armut des Elends dieser Zeit offensichtlich viel stärker wahr, als die Erinnerung, wer das Leid angetan hat, wer verantwortlich dafür ist. Die Verdrängung der Tätergeschichten ist nichts Ungewöhnliches für Laher, aber er kennt die Wege um diese Selbstverleugnung zu umgehen.

„Erinnerung ist ein Lebensmittel, das nicht allen schmeckt, aber es wirkt und es ist gesund.“

„Erinnerung ist ein Lebensmittel, das nicht allen schmeckt, aber es wirkt und es ist gesund.“
Er hat gerade die Festrede zur Einweihung der Ergänzungstafel gehalten, eine lange Wegstrecke ist zu einem Ende gekommen: Dieses unkommentierte Heldendenkmal beschäftigt ihn seit mehr als 30 Jahren. Er ist ein wenig erschöpft, aber sehr aufmerksam und auch ein wenig zufrieden mit dem heutigen Tag. „Sich bewusst erinnern ist etwas, das einen stärkt und kräftigt, so wie gesunde Lebensmittel. Mit dieser Kraft kann man auch die Gegenwart, so verschreckend und komplex sie ist, leichter verstehen und für die Gestaltung der Zukunft ein besseres Fundament gewinnen.“

Es gibt sie nicht, die gute alte Zeit und sie war auch nicht nur gut.

Vier Tage später an fast gleicher Stelle, nur gut 100 Meter vom „Heldendenkmal“ entfernt: Hanna Feingold, die ehemalige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde spricht an diesem verregneten Sonntag im Oktober. „Wir sollten Zusammenarbeiten, dort wo wir können. Und wenn wir es nicht können, dann sollten wir friedlich auseinandergehen.“ Was zuerst versöhnlich klingt, bekommt mit der Zeit einen bitteren Beigeschmack.

Auch Anna Schiester steht vor dem Denkmal der „Opfer für Freiheit und Menschenwürde“. Sie spricht dort auf Einladung des KZ-Verbandes. „Die Uhren, sie lassen sich nicht zurückdrehen, sie lassen sich auch nicht anhalten.“ Das Zitat von Erich Kästner ist sehr aktuell. Es gibt sie nicht, die gute alte Zeit und sie war auch nicht nur gut.

Wenn wir gemeinsam Zukunft gestalten wollen, brauchen wir auch eine gemeinsame Vorstellung von Vergangenheit.

Wenn wir gemeinsam Zukunft gestalten wollen, brauchen wir auch eine gemeinsame Vorstellung von Vergangenheit. Das ist nicht leicht, die Vergangenheit ist umstritten. Aber in diesen Tagen scheint es fast noch schwieriger eine gemeinsame Vorstellung von der Gegenwart zu haben.